Diesen Freitag, am 6. Februrar, habe ich mein Bergfest gefeiert. Es lagen genauso viele Tage hinter mir wie vor mir. Mittlerweile sind wir schon mitten im ersten Term des Schuljahres 2009. Seit ich hier bin hat sich einiges veraendert. Wir haben neue Lehrer bekommen, die letztjaehrigen Achtklaessler sind auf neue Schulen gegangen und der Speiseplan der Jungs hat auch einige Neuerungen zu verzeichnen - leider nicht zum Besseren. Der Alltag von Bosco Boys ist mir mittlerweile in Fleisch und Blut uebergegangen. Morgens, zur Schulzeit unterrichte ich entweder, oder ich erarbeite mir selbst etwas im Computerraum - meinem Buero, wie ich es liebevoll nenne - wie zum Beispiel den Informationsflyer von Bosco Boys, den ich umgestalten und aktualisieren moechte. Nach der Schule ist Arbeitszeit, das heisst jedes Team (alle Jungs sind in insgesamt vier Junior und vier Senior Teams eingeteilt) hat seinen zugeteilten Arbeitsbereich. Auch ich bin als Staff zu einem der Teams eingeteilt. Die Pflicht ist, wie es sein sollte, vom Vergnuegen gefolgt, dass heisst die Jungs gehen nach der Arbeit ihren Lieblingsballspielen oder sonstigen Beschaeftigungen nach. Mich findet man dabei meistens auf dem Volleyballfeld, wo ich entweder als Schiedsrichter fungiere, oder selbst mitspiele. Danach habe ich Zeit fuer mich, denn die Jungs gehen duschen und sich auf die Hausaufgabenzeit vorbereiten. Auch dort bin ich manchmal dabei, wenn ich von einem der Jungs angesprochen werde, ob ich ihm in Mathe helfen koenne, da dies mein Lieblingsfach in der Schule war. Spaeter gibt es dann Essen, gefolgt vom Rosenkranz beten und bevor es ins Bett geht duerfen die Seniors noch News im Fernsehn anschauen.
Die Gebetszeiten machen einen wichtigen Teil des Tagesablaufs in Bosco Boys aus, da es eine katholische Institution ist. Das bedeutet morgens um 6.30 Uhr zur Morgenmesse antreten und das jeden Tag. Dienstags gibts statt einer Morgenemesse fuer die Jungs eine Schulmesse vor dem Mittagessen fuer alle, auch die Tagesschueler, die von ausserhalb kommen. Natuerlich ist auch die Sonntagsmesse nicht zu vergessen. Nach dem Abendessen wird jeden Abend ausserdem noch der Rosenkranz gebetet. Dazu bin ich von Anfang an erschienen, aber die ersten drei Monate habe ich es vermieden zur Morgenmesse zu kommen, da ich zum Einen nicht katholisch, sondern evangelisch bin und zum Anderen niemals sehr religioes war, deshalb habe ich mich nicht wohl gefuehlt bei dem Gedanken, jeden Tag zur Messe zu gehen. Es wurde mir auch nicht explizit gesagt, dass ich kommen sollte, aber mit der Zeit hab ich doch deutlich gemerkt, dass es von mir erwartet wird. Heutzutage gehe ich regelmaessig und irgendwie hab ich auch Gefallen daran gefunden.
Das mir nicht gesagt wurde, ich solle doch an der Morgenmesse teilnehmen ist zeichnend fuer die Kommunikation zwischen mir und und meiner Ansprechperson, Father Sebastian, dem Rektor von Bosco Boys. Diese ist naehmlich fast gleich Null. Er redet fuer gewoehnlich nur mit mir, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Das kommt aber Gott sei Dank nicht all zu haeufig vor und ist auch nie etwas Schlimmes. Im Allgemeinen scheint er mir recht desinteressiert. Ich habe es aufgegeben, zu versuchen, eine offenere Beziehung zu ihm aufbzubauen, denn ich mag es nicht gerne, jemandem hinterherzulaufen, der nicht mal ein Laecheln fuer mich uebrig hat, mir nicht traut und sich scheinbar auch gar nicht dafuer interessiert, wer ich bin. Er hat mich ab und zu mal gefragt, was ich so an Erfahrungen gesammelt habe und was ich gelernt habe, aber wenn ich angefangen habe, etwas zu erzaehlen, hat er mit einem leeren Blick hinter mir an die Wand gestarrt und ab und zu mal ein „mmhhh“ gemurmelt. Dafuer brauche ich mir die Muehe nicht mehr machen. Der Gedanke, dass ich nicht die einzige bin, die er so behandelt und das er anderen Leuten richtiggehend respektlos gegenuebertritt, troestet mich nur wenig. Ich mag es nicht besonders, wenn ich mich mit meinem Chef nicht gut verstehe, aber erzwingen kann ich auch nichts.
Abgesehen davon ist das Leben in Bosco Boys (denn ich wohne im Projekt) recht angenehm. Ich komme mit meinen Mitbewohnerinnen, vier an der Zahl, alles Kenianerinnen, mit denen ich mir das Lady-Teacher’s Haus teile, sehr gut aus. Wir kochen zusammen, wir reden viel und lachen noch mehr. Auch zu den „Brothers in Ausbildung“, den Prenovices habe ich einen guten Draht. Und natuerlich zu meinen Jungs. Am Wochenende gehe ich ab und zu in die Stadt um Freunde zu treffen, zum Beispiel meine Kontaktperson von ICYE Kenya. Mein Umfeld ist gepraegt von netten Leuten, mit denen ich gerne Zeit verbringe und ich habe auch einige sehr gute Freunde gefunden, mit denen ich reden kann, wenn ich Probleme habe.
Die groesste Herausforderung in meinem Leben in Bosco Boys war, die Richtige Mischung aus Naehe und Distanz zu meinen Schuetzlingen zu finden. Die Fathers haben die groesste Angst, dass ein weiblicher Volunteer zu viel Naehe aufbauen koennte, wie es schon zuvor mit anderen vorgekommen ist...
Die Jungs reagieren beleidigt und fuehlen sich zurueckgewiesen, wenn man zuviel Distanz aufkommen laesst. Die Fahters haben mir viele, viele Tips und Warnungen mit auf den Weg gegeben, worauf ich achten solle und was die Jungs alles fuer Absichten haben koennten und sie haben mir von deren speziellem Hintergrund erzaehlt und das dies eine spezielle Behandlung noetig macht. Ich denke diese vielen Worte waren alle schoen und gut, aber die beste Schule sind die Jungs selbst und das Zusammenleben mit ihnen. Nach einiger Zeit weiss man, was man machen kann, wie man mit wem umgehen muss. Beispielsweise hab ich mit der Zeit herausgefunden, wem ich es erlauben kann mich zu umarmen, denn man kann es nicht bei jedem zulassen, kann es aber auch nicht allen verbieten, speziell den Kleineren nicht, denn es ist etwas Natuerliches und die Jungs sehnen sich nach jemanden, der die Mutter/Schwesterrolle uebernimmt. Mittlerweile, weiss ich ganz gut, wie ich mich verhalten muss und ich denke ich komme ganz gut zurecht.
Eine andere Huerde war mein Leben als Lehrerin. Ich hab vorher noch nie unterrichtet. Schuechtern bin ich zwar nicht und bei meiner Pfadfindergruppe in Detuschland konnte ich mich auch bei meinen pubertierenden Juenglingen gut durchsetzen, aber die Schueler unserer Schule sind von besonderer Sturheit (sagen sogar meiner kenianischen Kollegen) und bei diesem Mzungu, der kein Kiswahili spricht, die Namen der Schueler nicht kennt und auch sonst eigentlich nichts weiss, testet man eben gerne seine Grenzen aus. Besonders in einem heissgeliebten Fach wie Computer. Ploetzlich hatte ich zum Beispiel 40 Kinder im PC Raum, anstatt der gezaehlten 34 aus dem Klassenzimmer, bis sich dann, nachdem ich den Klassenlehrer geholt hatte, herausstellte, dass die sechs „Neuen“ aus allen moeglich anderen Klassen stammten und eben gerne ein bisschen mit dem PC spielen wollten. Mittlerweile kenne ich fast alle Namen meiner Schueler und weiss auch, wie sie ticken und welche Tricks sie auf Lager haben, sodass wenigstens ein gutes Mass an Disziplin in meinen Stunden herrscht, worauf ich jedes Mal stolz bin J
Noch stolzer bin ich, dass ich die Namen fast aller der ueber 100 Jungs kenne, ausserdem die Lehrer, die Leute aus der Werkstatt und zahlreiche Secondary Schueler.
Was mich noch freut und mal nichts mit Bosco Boys zu tun hat ist, dass ich gelernt habe, auf dem Markt hart zu verhandeln und daher fast einheimische Preise bekomme und darueberhinaus immer eine nette Unterhaltung mit den Verkaeufern habe. Auch mein Kiswahili wird merklich besser. War ich noch vor drei Monaten hoffnungslos, jemals fliessend sprechen zu koennen, ueberrasche ich die Kenianer heute, wenn ich ihre Gespraeche verstehe (nicht alles, aber viel) und immer oefter sogar antworten kann. Jetzt ist vielleicht die Zeit gekommen, mir ein Woerterbuch zu kaufen und die verbleibenden sechs Monate richtig auszunutzen.




